Denkmallandschaft

Der Bezirk Reinickendorf weist einen großen Bestand an Denkmalen auf. In der Denkmalliste Berlin sind für den Bezirk rund 1.000 Positionen genannt. Hierbei handelt es sich nicht nur um einzelne denkmalgeschützte Gebäude, sondern auch um Denkmalensembles, Gartendenkmale und Gesamtanlagen sowie auch Bodendenkmale.

Von der Dorfkirche bis zur industriellen Werkhalle

Die Vielfalt der Reinickendorfer Denkmallandschaft spiegelt dabei die historisch bedingten unterschiedlichen Bauformen und Nutzungsarten wieder. Dazu gehören Friedhöfe, Dorfkirchen sowie Schul- und Krankenhausbauten genauso wie gründerzeitliche Villen und große Wohnsiedlungen oder industrielle Werkshallen.

Die sechs früheren Dörfer Heiligensee, Hermsdorf, Lübars, Tegel, Wittenau und Reinickendorf sind noch heute gut an den Dorfangerstrukturen mit mittelalterlichen Kirchen und Bauerngehöften erkennbar. Im Jahr 1920 wurden diese Dörfer zusammen mit den Gutsbezirken Frohnau, Waidmannslust und Konradshöhe eingemeindet und bildeten nun den Bezirk Reinickendorf von Berlin. Am besten erhalten ist die Dorfstruktur im Dorf Lübars, welches noch heute von Feldern umgeben wird.

Die sukzessive erfolgte Verstädterung, das heisst die Entwicklung vom Dorf zur Stadt, kann dagegen wunderbar anhand der unterschiedlichen Mietshausformen, wie um Beispiel an der Residenzstraße vorhanden, abgelesen werden.

Aber auch die zweite industrielle Randwanderung Ende des 19. Jahrhunderts ist am großen Bestand historischer Industriearchitektur mit heute zum Teil umgenutzten Gewerbehallen und den vielen für die Arbeiter errichteten Siedlungen, die noch heute als Wohnstandorte dienen, nachvollziehbar. Bestes Beispiel ist hier der Dampflokomotiven-Hersteller Borsig mit dem Borsiggelände in Tegel - heute neben Industrieareal auch Gewerbepark und Einkaufszentrum - und der "Kolonie Borsigwalde", errichtet als Werkssiedlung von Borsig in Wittenau.

Damit wird schon deutlich, dass Denkmale nicht nur einen künstlerischen Wert, sondern ebenso eine geschichtliche, städtebauliche und eine wissenschaftliche Bedeutung aufweisen können.

Beispiele herausragender Denkmale im Bezirk Reinickendorf

Dorfkirche Wittenau

Ursprünglich bereits Ende des 15. Jahrhunderts auf dem Dorfanger des damaligen Dalldorfes (Umbenennung zu Wittenau 1905) errichtet, stellt diese evangelische Dorfkirche das älteste Baudenkmal Reinickendorfs dar.

Dorfkirche Wittenau

Die Dorfkirche ist Bestandteil des Denkmalensembles und des Gartendenkmals Alt-Wittenau. 1482 wurde mit dem Kirchenbau begonnen. Es handelt sich um einen einfachen Saalbau aus Feldsteinen, der Dachturm entstand 1799, das Westportal 1860. Die ursprüngliche Flachdecke wurde 1956-57 durch ein Tonnengewölbe ersetzt. Dennoch blieb die äußere Gestalt mit den verwendeten Baumaterialien - Feldsteine und Ziegel - nahezu unverändert und vermittelt in Verbindung mit den teils noch erhaltenen historischen Grabstellen des Kirchhofs ein malerisches Bild einer vergangenen dörflichen Zeit.

"Bonnies Ranch"

1877-79 wird die städtische Irrenanstalt, die heute Karl-Bonhoeffer Nervenklinik heißt, im damaligen Dalldorf gegründet. Entworfen wurde die Anlage vom damaligen Berliner Stadtbaumeister Herrmann Blankenstein, der die Bauwerke im klassizistischen Stil als gelbliche Ziegelbauten mit verklinkerten Fassaden errichten ließ. Das negative Image der Irrenanstalt sorgte 1905 für die Umbenennung des Vorortes in ”Wittenau” (nach dem Bürgermeister Paul Witte). Bis heute dient der in eine 45 Hektar große waldähnlichen Parklandschaft integrierte Gebäudekomplex als psychiatrisches Krankenhaus. Seit 1997 gehört das Haus unter der Leitung von Vivantes zum Humboldt-Klinikum.

"Gartenstadt Frohnau"

Die als Villen- und Landhauskolonie konzipierte Gesamtanlage konnte 2010 auf eine 100jährige Tradition zurückblicken und stellt heute eines der qualitätsvollsten Wohnquartiere von Berlin dar. Frohnau wurde durch eine Terraingesellschaft als Gesamtanlage geplant und nach Fertigstellung des Bahnhofs am 7. Mai 1910 eingeweiht. Charakteristisch ist die Doppelplatzanlage des Ludolfinger- und Zeltinger Platzes am S-Bahnhof Frohnau, von der in geschwungener Linienführung die Hauptstraßen abgehen, von dort die schmaleren Nebenstraßen. Alle Straßen sind gesäumt von Alleebäumen. Großzügig angelegte Schmuckplätze, kleine Parkanlagen mit naturnahen Teichen und große Grundstücke mit hohem Gartenanteil prägen heute noch den Gartenstadtcharakter. Die Gestaltung der Straßen, Plätze und Parks erfolgte durch den Gartenarchitekten Ludwig Lesser nach englischen Vorbildern. Namhafte Architekten, ebenso Anhänger der aus England kommenden Gartenstadtbewegung, entwarfen und bauten die heute noch großzügigen Villen. Dazu zählen u.a. Heinrich Straumer, Paul Poser und die Erbauer des Bahnhofs, Gustav Hart und Alfred Lesser.

Rathaus Reinickendorf

In Wittenau, nahe des alten Dorfangers, befindet sich auch das ursprünglich im Jahr 1911 vom Architekten Friedrich Beyer errichtete Rathaus Reinickendorf, das in drei Abschnitten 1950-1957 - zunächst mit einem rechtwinkligem Anbau, der zur Hofbildung führte, später um einen langgestreckten, leicht konkav gebogenen südlichen Anbau sowie am südlichen Ende durch einen 6-geschossigen Querflügel und den Ernst-Reuter-Saal als kultureller Veranstaltungsraum - erweitert wurde. Der rot geklinkerte Altbauteil des Rathauses, der auch das Standesamt und den Saal der Bezirksverordneten beherbergt, ist ein herausragendes Zeugnis für den Kommunalbau in den reich gewordenen Landgemeinden im Berliner Umfeld vor dem 1. Weltkrieg.

Die Anbauten wurden behutsam entweder in Form gläserner Zwischenbauten oder mit Aufnahme gegebener Formen durchgeführt, so dass eine städtebauliche Einheit erreicht wurde. Insbesondere der mit Aufwand gestaltete Festsaalanbau zeigt typische zeitgenössische Ausstattungsmerkmale und unterstreicht die hohe Baukultur des bezirklichen Hochbauamtes in den 50er Jahren.

Borsigturm

1922 entsteht das erste Hochhaus in Berlin auf dem Firmengelände der Tegeler Borsigwerke. Der Turm wurde im expressionistischen Stil als Stahlskelettbau errichtet mit aus rotem Backstein gemauerten Fassaden.

Durch den Einbau eines Wasserbehälters in der neunten Etage diente er anfänglich auch als Wasserturm. Architekt war Eugen Schmohl, der wenig später auch das Ullsteinhaus in Tempelhof baute. Schnell wurde der Turm, der als Bürogebäude genutzt wurde, zum Wahrzeichen der Borsigwerke, was bis heute so geblieben ist.

Weiße Stadt

Die bekannteste Wohnsiedlung der Moderne - erbaut 1929-1931 von Bruno Ahrends, Wilhelm Brüning und Otto Rudolf Salvisberg - liegt im Ortsteil Reinickendorf an der Aroser Allee und bildet als Gesamtanlage einen Denkmalbereich mit Gartendenkmal.

weisse_stadt.jpg

Im Zuge der Wohnungsnot wurden zwischen 1929 und 1931 hier 1.286 Wohnungen in drei- bis fünfgeschossiger Rand- und Zeilenbauweise auf einer großzügig mit Grünzügen durchsetzten Fläche durch städtische Wohnungsbaugesellschaften errichtet. Die Siedlung mit ihrem charakteristischen weißen Erscheinungsbild entstand in Anlehnung an den Baustil der Neuen Sachlichkeit. Es gab eine ausgeklügelte Infrastruktur mit einem Heizkraftwerk, zwei Gemeinschaftswaschküchen, Kindergarten, Ärztehaus, Apotheke und 24 Ladengeschäften.

Im Juli 2008 wurde die Weiße Stadt als eine von sechs ”Siedlungen der Berliner Moderne” in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Werkzeugmaschinenfabrik Herbert Lindner

Diese von 1932 bis 1940 geschaffene Industriearchitektur - eingebettet in eine ungewöhnlich große Gartenanlage - stellt ein Meisterwerk der in dieser Bauepoche entstandenen Fabrikanlagen dar. Entworfen von Martin Punitzer und Hoppe/Simon lässt die gerasterte Stahlkonstruktion mit der zweiseitigen Verglasung die flachen Hallen leicht und durchsichtig wirken. Die sachliche Architektursprache wird durch die Lage in der parkartig gestalteten Umgebung - konzipiert von Richard und Ludwig Lesser - noch herausgehoben: Von 52.000 m² Grundstücksfläche sind 35.000 m² Grünfläche: Von jedem Arbeitsplatz ist die Gartenanlage sichtbar. Diese besondere Qualität der Anlage konnte nur durch das Zusammenwirken eines sozialbewusstem Bauherrn, eines innovativen Architekten und eines künstlerischen Gartenarchitekten erreicht werden. Das Werksgelände wird heute von der Fa. G-Elit Präzisionswerkzeug GmbH genutzt.
 
 
Schloß Tegel
1766
Das Schloß Tegel - ursprünglich 1558 als Renaissance-Herrenhaus erbaut - geht in den Besitz der Familie von Humboldt über. Im 19. Jahrhundert wurde das Schloß durch Karl Friedrich Schinkel umgestaltet.
Alexander von Humboldt
1769
Alexander von Humboldt, weltberühmter Naturforscher und Mitbegründer der Geografie als empirischer Wissenschaft, wird in Berlin geboren. Die Familie residiert seit 1766 im Schloß Tegel.
Eisenbahnbau bei Borsig
1873
Eisenbahnbau bei Borsig auf einem Gemälde von Paul Friedrich Meyerheim
Uferpromenade in Tegel, 1910
1910
Anlage der Strandpromenade und Bau der ”Sechserbrücke” durch die Gemeinde Tegel
Rathaus Reinickendorf, Detail
1920
Der Bezirk Reinickendorf wurde 1920 aus den ehemaligen Bauerndörfern Reinickendorf, Wittenau, Tegel, Heiligensee, Hermsdorf und Lübars sowie drei Gutsbezirken gebildet.
Bau des Flughafen Tegel
1948
Auf dem Gelände des Flughafens Tegel entsteht während der Luftbrücke innerhalb von 90 Tagen die damals längste Start- und Landebahn Europas - größtenteils mit Muskelkraft.
Berliner Mauer
1961
Der Bau der Berliner Mauer trennt den Bezirk Reinickendorf bis zum Mauerfall 1989 vom Umland und den Nachbarbezirken Pankow und Prenzlauer Berg.
Märkisches Viertel
1964
Bau der Großsiedlung Märkisches Viertel beginnt (bis 1974), heute eigenständiger Ortsteil mit ca. 36.000 Bewohnern, 12 Schulen und Einkaufszentrum. Derzeit aufwändige energetische Sanierung und Modernisierung
Humboldt-Bibliothek, Tegeler Hafen
1984
Anlässlich der internationalen Bauaustellung 1984-1987 wurde der ehemalige Tegeler Industriehafen neu gestaltet. Hier entstanden (post)moderne Wohnquartiere und eine Bibliothek.
Hallen am Borsigturm
1999
Hallen am Borsigturm - in die entkernten ehemaligen Lokomotivbauhallen wird ein Einkaufs- und Freizeitzentrum mit Multiplexkino, Fitnessstudio und Bowling-Bahn integriert.
Greenwich-Promenade, Neugestaltung
2009
Umgestaltung der Greenwichpromenade und Bau des Flusskreuzfahrtterminals 2009/2010
Flughafen Tegel, Planung
2012
Der Flughafen Tegel wird geschlossen. Das riesige Areal wird zu einem Standort innovativer Industrien und Bildungseinrichtungen entwickelt.